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25 Jahre Karatesport in Freiburg

Karate in Deutschland

Freiburger Sport Magazin 1986

Jubiläumslehrgang mit dem Weltmeister

Text: Bodo Benzer

lm Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen gelang es dem Akademischen Karate Dojo Freiburg unter Leitung von Hans-Dieter Rauscher einen Weltklasse-Sportler, Meister Pinda nach Freiburg einzuladen, der in einem Spezial-Seminar Sportler aus vielen Clubs und Verbänden zu begeistern wußte.
Die Bedeutung des Lehrgangs unterstreicht die Tatsache, daß Elitekämpfer der Bonner Anti-Terror-Einheit GSG 9 an diesem Lehrgang teilnahmen, die schon vor 10 Jahren ihr Fortbildungstraining in Karate, Arnis, Bo und Jiu-Jitsu bei den von H. D. Rauscher in Freiburg und im Dreisamtal organisierten Lehrgängen durchführten.

Emanual Pinda, Mitglied der französischen Nationalmannschaft, hatte 1985 als Europameister der Allkategorie und 1984 als Weltmeister der Allkategorie die gesamte europäische und Weltspitze der WUKO deklassiert. Die WUKO ist der größte Karate Weltverband, in dem fast alle Nationen und Stile vertreten sind. Außerdem gibt es noch den Shotokan-Karate-International, SKI, den größten Shotokan Wertverband mit seinem Präsidenten und Cheftrainer Kanazawa 9. Dan und andere Weltverbände.
E. Pinda ist 26 Jahre alt, und trainierte zuerst Kung-Fu, dann Wado-Ryu Karate und betrieb auch einige Zeit das harte Fullcontact Karate, das ihm aber dann aus ästhetischen Gründen nicht mehr zusagte.

Ein weiterer prominenter internationaler Trainer, Patrice Belrhiti, 5. Dan, vielfacher Europameister der 70er Jahre, der auf Einladung von H. D. Rauscher ebenfalls häufig zu Gastlehrgängen nach Freiburg kommt, ist als Meister-Schüler von Großmeister Ohtsuka und Ashihara ebenfalls Wado-Ryu Stilist und darin französischer Nationaltrainer.

Die Bedeutung Frankreichs, das zu den führenden Nationen im Karatesport gehört, und auch vor wenigen Wochen wieder zwei Weltmeistertitel in Australien geholt hat, zeigt auch die Tatsache, daß einer der Bundestrainer des Deutschen Karate-Verbands, Günter Mohr, seine Prüfung zum 5. Dan beim französischen Nationaltrainer Gilbert Gruss, 7. Dan ablegte. Der Karatesport in Europa fand auch in Frankreich seine Anfänge in den 50er Jahren.

Meister Pinda erweckte mit seinem sensiblen Training, seiner hervorragenden Systematik, Lehrmethodik und Pädagogik die Begeisterung aller Lehrgangsteilnehmer. Schwerpunkte waren Stiltraining, Fuß- und Faustkombinationen, Wurf-Spezialtechniken und ein besonders interessantes Kapitel über Finten, Kampftaktik und Täuschungsmanöver. Seine bescheidene Art und der Verzicht auf jedes in vielen Clubs üblichen "Hau-Ruck"-Training beeindruckte viele Sportler.
Er legte großen Wert auf mentales Training, Durchdenken und Infragestellen der Techniken, auf die Suche nach immer neuen Wegen und Lösungen. Nach seinem Versprechen beim Lehrgangsabschluß bald wieder nach Freiburg zu kommen, erhielten er sowie die weiteren Gasttrainer Achmed Abdullah 3. Dan, IAKF Weltmeisterschaftsdritter von Kairo (Mannschaft), aus Ägypten, Rüdiger Schwinte 3. Dan Bonn, Trainer der Sportgruppe des Deutschen Bundestags und Gastgeber H. D. Rauscher, Mitbegründer des Karatesports in Deutschland, der schon 1968 zu den ersten drei deutschen Sportlern gehörte, die bei H. Kanazawa, SKI Weltcheftrainer, 9. Dan ihre Prüfung zum 2. Dan ablegten, langanhaltenden Beifall.

Es gibt ähnlich wie im Kung-Fu mehrere verschiedene Karate-Stile wie Goju-Ryu, Wado-Ryu, Kyokushinkai, Shito-Ryu, Isshin-Ryu, Shotokan, Itosu-Ryu, Shorin-Ryu, Shotokai, Goshin-Ryu u. a., die alle ihren Ursprung in Japan haben, und in vielen Ländern der Erde repräsentiert sind. Manche Stile sind heute stark wettkampf- und turnierorientiert. Andere lehnen Turniere fast völlig ab, und betreiben Karate nur zur Selbstverteidigung, zur körperlich-geistigen Fitness, als Gesundheitssystem oder als Philosophie zur Persönlichkeitsentfaltung und als Begegnungsmöglichkeit mit asiatischer Kultur und Geist. Sicherlich ist es ein interessantes Freizeit- und Ausgleichssport mit einem für viele tieferen geistigen Hintergrund, wie er z. B. in Asien durch die Zen-Philosophie und Religion gegeben ist. Zusammen mit Jiu-Jitsu und traditionellen asiatischen Waffen wie Arnis/Tanbo oder Escrima-Kurzstock ist Karate auch ein hervorragendes Selbstverteidigungs-System.
Von den oben erwähnten Stilen dominiert in Deutschland der klassische, schöne und kraftvolle Shotokan-Stil, der von dem legendären Okinawa-Großmeister Funakoshi Gichin begründet wurde, und der Mitte der 60er Jahre durch die japanischen Großmeister Kanazwa 9. Dan, Kase, 8. Dan, Shirai 8. Dan und Enoeda, 8. Dan auf ihren Europatourneen hier eingeführt wurde.

Dan bedeutet in den asiatischen Sportarten Judo, Karate, Kendo, Aikido, Jiu-Jitsu u. a. Meistergrad und berechtigt zum Tragen des schwarzen Meistergürtels, nach Absolvieren einer strengen und langwierigen Prüfung durch Kommissionen der verschiedenen Fachverbände. Ab dem 6. Dan wird im Judo und in verschiedenen Karate- und Jiu-Jitsu Stilen auch der rot-weiße Gürtel getragen. Der 1. Dan ist der niedrigste, der 10. Dan der höchste Meistergrad.

Hans-D. Rauscher war als einziger Freiburger Karatesportler vom Anfang an dabei. Er ist außer M. Grichnik (Gladbeck), J. Seydel (Usingen) der einzige Aktive der 21 Gründungsmitglieder des ältesten deutschen Karate-Fachverbandes, der 1961 in Bad Homburg gegründet wurde. Er hatte schon zuvor, noch als Mitglied eines Judo Schülerkaders beim damaligen Judo-Bundestrainer Nagaoka, der auch Karate-Experte war, vielleicht als erster Deutscher, Grundlagen des Karate erlernt, und noch als Gymnasiast 1961 das Karate-Dojo Freiburg als ersten süddeutschen Karate-Club im neuen Fachverband gegründet. Als zweite Freiburger Gruppe wurde das Karate-Centrum, das heutige Budo-Sportzentrum in Merzhausen von Walter Kunz aufgebaut. Walter Kunz hatte zunächst bei Michael Starraß, dein "dienstältesten" in Freiburg noch aktiven Schüler von Hans-D. Rauscher trainiert und sich bei diesem auch vielfach Rat geholt. H. D. Rauscher gründete dann 1964/65 das Akademische Karate-Dojo und das Karate-Dojo der Uni Freiburg als zweite Universitätsgruppe in Deutschland nach Göttingen.
Seine Pionierarbeit für die asiatischen Sportarten wurde vom damaligen Direktor des Sportinstituts Professor Waldemar Gerschler dadurch gewürdigt, daß Rauscher durch Gerschlers Vermittlung den ersten Lehrauftrag für das Fach Karate an einer europäischen Universität erhielt, den er nahezu 10 Jahre lang wahrnahm. In dieser Zeit gründete er mit und durch seinen Schüler über 50 Clubs in Deutschland und im Ausland, so allein in Südbaden Weil, Müllheim, Breisach, Emmendingen, Lahr, Baden-Baden, Offenburg, Stegen, Kirchzarten, später auch Staufen, Hinterzarten, Ettenheim, Endingen, Waldkirch, aber auch Uni Hamburg, Uni Münster, Uni Heidelberg, Uni Karlsruhe, u. v. a. Aufgrund seiner Wettkampferfolge auf Deutschen- und Europameisterschaften erhielt er vom damaligen Oberbürgermeister Keidel als erster Freiburger Karatesportler die goldene Sportmedaille der Stadt Freiburg.

Die Tatsache, daß gerade in Südbaden der Karatesport bei hohem Niveau sehr verbreitet ist, liegt sicher auch daran, daß H. D. Rauscher schon Mitte der 60er Jahre viele prominente japanische Trainer zu Gast in Freiburg hatte, wie Nagai, Kato, Kase, Takahashi, Asano, Sumi, Enoeda, Shirai, aber auch JKA-Weltcheftrainer Nakayama 9. Dan, häufig H. Kanazawa, SKI Weltcheftrainer 9. Dan, den er mit dem damaligen Verbandsvorstand für einige Jahre als Bundestrainer verpflichten konnte, und für den er zahlreiche Lehrgänge, Seminare, Tourneen in ganz Europa organisierte und ihn oft als Demonstrationspartner und Übersetzer begleitete. Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung in den 60er Jahren hat natürlich auch der beliebte schweizerische Bundestrainer Koichi Sugimura, den Rauscher in Badenweiler kennenlernte, und als Trainer für Freiburg und später zweiten deutschen Bundestrainer neben Kanazawa verpflichten konnte. Diesen und vielen anderen Meistern, wie auch dem legendären Full-contact Champion und Arnis-Großmeister Cui Brocka 9. Dan, bei dem er seinen 6. Dan ablegte, verdankt er persönlich außerordentlich viel.

Durch die Einladung dieser Großmeister und in neuester Zeit von Gasttrainern aus Frankreich wie Belrhiti oder Pinda, erwartet er wichtige Trainingsimpulse, verbesserte Trainingsmotivation, neue Ideen, kreatives Denken und Arbeiten, eigenständiges Forschen und Wegesuchen der Sportler, und die Erarbeitung eines ganz modernen, effektiven und eleganten Karatestils.

 
 
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