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Im Geist der Samurai

Budo

Asiatische Kampfsportarten als Kunst der Harmonie

Die erste Kunst des Körpers, noch vor jeder Bewegung, ist jene des Atmens. "Einen langen Atem zu haben" ist in Zeiten voller Geschäftigkeit zu einer reinen Metapher verkommen. Erst recht im Sport, wo vordergründig Resultate zählen. Der Ball zappelt im Netz, der Puck flitzt über poliertes Eis, das Mountain-Bike schlittert über Stock und Stein. Die Freude am Spiel setzt die Bewegung des Körpers als eine gut funktionierende Maschine ein. Atemlos.
"Harmonie ist, wenn der gebündelte Geist den Körper kontrolliert. Wenn der völlig entspannte Körper auf die geistige Bewegung reagiert. Wenn beides eins wird", faßt demgegenüber eine tief in asiatischer Tradition verwurzelte Bewegungs-Kunst ihre Grundsätze zusammen. Zuerst werden vielfältigste Atemtechniken zur Entwicklung der inneren "Ki-Kräfte" geübt. Aus der reinen Ruhe der Atmens heraus entwickeln sich dann Bewegungen, die schneller sind, als das Auge noch sehen kann. Ein Gleichgewichtssinn und ein Reaktionsvermögen, das alles in den Schatten stellt, was sich auf den Spielwiesen westlicher Sportarten tut. Die Rede ist von "Budo" - der althergebrachten Kunst des Samurai.

Sparsame Gesten, höchste Ausdruckskraft: Katsuo Yamaguchi, 9. Dan Iaido und 8. Dan Kendo Hanshi, unterrichtete beim ersten deutschen IMAF-Seminar in Freiburg. Der fast achzigjährige Japaner hat als Lehrer der Schwertkunst auch hohe akademische Auszeichnungen erlangt. Siehe Bericht.

Budo kommt von "Bushido", und das heißt wörtlich übersetzt "der Weg des Ritters". Es ist auch die Bezeichnung jenes strengen Ehrenkodex, nach dem im Mittelalter die japanischen Samurai lebten und starben. Kein Zufall, daß die Samurai Malkunst und Schriftkunst beherrschten, in geheimen buddhistischen Texten lasen, sich für Astronomie und Medizin interessierten. Sie schrieben Gedichte und waren Meister im Kampf: Schwimmen, Bogenschießen, Lanzenwerfen, Schwertkunst, Ringen und Karate - um nur einige Wege der "Wächter" (so die Übersetzung von Samurai) zu nennen.
Angesichts moderner Leistungsgesellschaften (westlich oder östlich) erfährt die Kunst der Samurai eine Richtungsänderung. Wächter nicht eines Fürstenhauses, sondern der Verbindung von Geist und Bewegung. Nicht mehr Krieger im Namen der Obrigkeit, sondern Sportler mit philosophischem Hintergrund.
Budo ist heute der Oberbegriff für asiatische Kampfsportarten. Und diese sind in ihren Grundzügen weniger aggressiv als Fußball oder Eishockey. "Das Gegenüber wird nie als Feind oder Gegner aufgefaßt. Sonst könnte einer nie den Meistergrad erringen. Man braucht sein Gegenüber, um gemensam weiterzukommen", veranschaulicht Hans-Dieter Rauscher das Gemeinsame asiatischer Kampfsportarten. Denn weiterkommen heißt hier nicht, jemanden zu besiegen, sondern sich in Technik und Körperbeherrschung zu vervollkommnen. Respekt vor dem anderen ist oberstes Gebot auf dem Weg des Budo-Sportlers (welcher Kampf-Richtung auch immer).
Hans-Dieter Rauscher weiß, wovon er spricht. Er ist deutscher Direktor des ältesten Budo-Welt-Dachverbandes "International Martial Arts Federation" (IMAF), die ihren Hauptsitz in Tokio hat. Und er hat ebenso das erste internationale IMAF-Seminar in Deutschland über die Bühne gebracht. Die höchstdekorierten Meister aus Japan kamen nach Freiburg, um über 350 Seminar-Teilnehmer zwölf Nationen in der Kunst der Kampfsportarten zu unterrichten. "Auf höchster Ebene wurde Theorie und Praxis authentisch von den Meistern vermittelt. Dabei stand im Vordergrund, zu demselben Thema verschiedene Antworten zu erhalten", erläutert Rauscher das Seminar-Konzept. Beispielsweise konnte zu den Themen "Schlagabwehr" oder "Atemtechnik" bei einem Karate-Do-Meister und dann bei einem Aikido-Meister etwas gelernt werden. "So waren für die Teilnehmer die Zusammenhänge verschiedenster Traditionen erkennbar", erläutert Hans-Dieter Rauscher.
Verschiedenste Budo-Disziplinen wurden bei dem Lehrgang unter einen Hut gebracht: Iaido (Eishin-Ryu-Stil), Karate-Do (Okinawa-Stil), Jiu-Jitsu, Nihon-Ju-Jutsu, Aikido (Yoshinkan-Stil), Tambo (Kurzstock), und Bo-Jutsu (Langstock). "Am meisten fiel mir dabei die Kunst des Weglassens auf. Wie in der japanischen Malkunst, wo mit möglichst sparsamen Pinselstrichen gearbeitet wird, wurde von den Meistern auch mit den Bewegungen umgegangen", erzählt Hans-Dieter Rauscher. Die Botschaft an die Seminar-Teilnehmer war eindeutig: "An einfachen Übungen wachsen zu können. Durch Weglassen über sich hinaus zu kommen", so der Freiburger.
Entgegen der Bezeichnung "Kampfsport" lehrten die japanischen Meister, was sie unter Budo verstehen. Und das steht schon im Emblem des Weltdachverbandes IMAF. Ein japanisches Schriftzeichen "Bu" das soviel bedeutet wie "einen Streit schnell zu beenden". Genau das wünscht sich Hans-Dieter Rauscher, Gründungsmitglied des Deutschen Karate-Bundes, auch von der hiesigen Kampfsportszene. "Man sollte auf jeden Fall vom amerikanischen Trend wegkommen, nur nach Pokalen oder Medallien zu hetzen. Die Basisarbeit in den verschiedenen Vereinen sollte nicht ausschließlich dazu dienen, gute Turnierkämpfer heranzuziehen. Vielmehr schlummert in dieser Sportart die Möglichkeit, wichtige philosophische Gedanken in die Bewegung umzusetzen und damit auch eine Art Charakterschule zu betreiben", so Rauscher.
Denn mit dem Vertiefen von geschichtlichem und kulturellem Wissen ist zugleich ein Blick auf östliche Lebensart verbunden. "Da gibt es eine Art wissender Respekt, der sich in den Budo-Sportarten widerspiegelt. Jeder höhere Gürtelträger ist ein Lehrer. Von ihm kann ich lernen. Umgekehrt ist er verpflichtet, mir etwas zu zeigen", schlägt Hans-Dieter Rauscher die Brücke zu fernöstlicher Lebensart, "wo der Industrieboß vor dem Straßenfeger Achtung hat und nicht nur umgekehrt".

Beim IMAF-Seminar waren die jüngsten Teilnehmer gerade zehn Jahre alt, die Ältesten fast achzig. Die Meister befanden sie für gut, "früh etwas aufzunehmen" (Rauscher). Ein Hauch fernöstlicher Lebensart etwa, oder den langen Atem der Geschichte. Denn die Legende erzählt, daß bereits 500 Jahre vor Christus chinesische Mönche das "Kara-Te" (Zwei Wortbedeutungen: 1. mit leeren Händen 2. Kunst aus China) entwickelt haben. Da sie keine Waffen tragen durften, erfanden sie nach und nach jene Technik, sich in unsicheren Zeiten mit bloßen Händen und Füßen zu verteidigen.

Michael Zäh

 
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