von Edmund Kern, Fürth - IMAF Seite

64 Jahre
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von Edmund Kern, Fürth

Warum IMAF?

Jeder der sich einer Tätigkeit, einem Hobby zuwendet deren Inhalt aus den Ländern Asiens stammen, wird in absehbarer Zeit den tiefen Wunsch verspüren das Land zu besuchen aus dem diese Tätigkeit stammt. Bei uns sind dies vorrangig die Kampfsportler die durch ihre Disziplin einen direkten Anknüpfungspunkt dazu haben. Den Wunsch zu haben die Quellen zu studieren, die Wurzeln unverfälscht kennen zu lernen ist hierbei einer der großen Antriebe solch eine Reise auf sich zu nehmen.

Ein Unternehmen das nicht leicht umzusetzen ist.

Sicher gibt es Reiseführer, das Internet, sicher gibt es Kontakte und sicher kennt man jemanden der schon einmal - dort war. Nur wenn man ankommt ergeben sich bereits die ersten Probleme, denn wir haben alles zunächst auf der Denkebene unseres Alltages eingeordnet und genau da beginnt dann die Erkenntnis, es war doch nicht ausreichend und auf Grund unserer bisherigen Reiseerfahrungen in Europa falschinterpretiert. Wir neigen leicht dazu Analogien zu unserem Lebensbereich herzustellen oder eventuell Vergleiche zu ziehen, zu unserem Vereinsdenken, zu uns bekannten Verbandsstrukturen, so wird man sehr schnell erkennen, dass solche Strukturen, wenn vorhanden nicht vergleichbar sind. Glücklich wer dann einen Freund oder Bekannten hat, der hilfreich vor Ort zur Seite steht um die ersten Hürden zu bewältigen und gezielt dabei hilft die Verhältnis zu verstehen und die richtige Verhaltensweise zu entwickeln, damit die Begegnung nicht zur Frustration führt sondern zu einem Erlebnis wird.

Das gilt insbesondere, wenn man sich Japan als Reiseziel ausgesucht hat. Die Vielfalt der "Do's" einzuordnen und zu gewichten, die innerhalb der Dojos gepflegten Etikette zu erkennen und einzuhalten, kann dann schon zu einigen Schwierigkeiten führen und es gibt keinen Trainer, es gibt Lehrer - Sensei. Eine Begegnung hier bei uns ist etwas anders, als wenn wir dem Sensei in Japan gegenübertreten.

Nachdem Budo und die innerhalb des Budo angesiedelten einzelnen Dispiplinen, wie Judo, Aikido, Kendo, Karate, Kobudo, Kyudo, Shorinji Kempo u.a.m., viele Anhänger im Ausland gefunden haben ist naturgemäß eine große Schar von Ausländern in Japan anzutreffen die in das Land des Ursprungs gereist sind um ihre Kenntnisse zu vertiefen. So befindet man sich in einem Kreis von Menschen, dem die Japaner einiges nachsehen. Japaner werden allerdings sehr aufgeschlossen wenn sie erkennen, dass der Gaijin, der Fremde, sich bemüht den Verhaltensweisen der Japaner so nahe als möglich zu kommen.

Auch für mich hat dieser große Wunsch mich dazu verleitet in 21 Studienreisen Budo in Japan zu üben um unter der Leitung japanischer Lehrer die tieferen Strukturen den von mir praktizierten Budodisziplinen kennen zu lernen.

Es war für mich seit meiner ersten Reise nach Japan 1963 immer eine Herausforderung über das Üben im Dojo, im Einhalten der Dojoetikette, in Gesprächen mit den jeweiligen Sensei die geistigen Inhalte des Budo bzw. der jeweiligen Disziplinen kennen zu lernen und in das persönliche Training einzubauen.

Zudem änderten sich ständig die Verhältnisse in Japan, so dass die bisher gewonnenen Erfahrungen ständig modifiziert werden mussten. Dies bezog sich glücklicherweise nicht auf den Bereich der Dojos, so dass es dort einen der Tradition verbundenen festen Orietierungspunkt gab.

Selbst nach meiner 21. Reise nach Japan war die Begegnung mit Japan, seinen Menschen und das Üben im Budo immer wieder eine neue Erfahrung und ein weiter Baustein nicht nur die Inhalte der jeweiligen Disziplin besser zu verstehen, sondern auch wie eine alte Kultur unter dem Ansturm fremder Einflüsse sich gewaltig verändert.

Es war von Anfang an erkennbar, dass die Trainingsschwerpunkte im Budo anderen Ideen folgten. Unsere Sporttradition war und ist immer noch geprägt vom ausschließlichen Gedanken der Körperertüchtigung. In Japan lernte ich einen anderen Aspekt des Übens kennen. Die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit. Natürlich war es notwendig den Körper in eine optimale Verfassung zu bringen, aber es war von untergeordneter Bedeutung.

Erst durch das Zusammenwirken der geistigen wie auch der körperlichen Übungen erfolgt ein anderes Verständnis und Ergebnis des Übens und der damit verbundenen angestrebten Perfektion. In der Auseinandersetzung mit dem Wie erschließt sich erst das Was man tut.

Zwischen der ersten und der in diesem Jahr zum 21. mal erfolgten Begegnung mit dem Ursprungsland liegen nun über 37 Jahre, eine lange Zeit aber auch eine Zeit die mir sehr viel von den Inhalten des Budo vermittelt hat. Die ungezählten Begegnungen mit Meistern aus dem Judo, Aikido, Iaido und Kyudo haben wesentlich dazu beigetragen meine Sichtweise und das Üben in diesen Disziplinen zu formen.

Nachdem ich jede meiner Japanstudienreisen dadurch ergänzt hatte, dass ich immer für einige Wochen noch durch das Land gereist bin um das Umfeld kennen zu lernen auf dem der Geist des Budo gewachsen ist, haben diese Reisen viel dazu beigetragen ein tieferes Verständnis hierzu zu entwickeln.

Jeder der dem Weg des Budo folgt ist gut beraten seine Erfahrungen in seiner Disziplin in Japan zu vertiefen. Nur dann kann er von sich behaupten die Inhalte und die Zielrichtung richtig erkannt und eingeordnet zu haben. Es bedarf einer Vielzahl von Korrekturen um das Wesen des Budo zu verstehen und wo geht es besser als in Japan. Jeder Lehrer ist gut beraten, wenn er sich der Korrektur eines anderen Lehrers unterzieht.

Mit meiner 21. Reise in diesem Jahr 2000 hatte ich nun die Gelegenheit Japan von einer neuen Seite her kennen zu lernen. Als Mitglied der Kokusai Budo Renmei ist mir die Aufgabe zugefallen in Tokyo bei der großen Budogala Aikido zu demonstrieren. Es war für mich sehr berührend, dass in Anwesenheit des Oberhauptes der Familie der Tokugawa diese Veranstaltung stattfand. Zudem für mich als Ausländer eine besondere Ehre hier Aikido vorführen zu dürfen. Es war für mich von Vorteil, dass zwei meiner Aikidoschüler Susanne Obert und Carsten Avenhaus bei dieser Reise dabei waren. Ein weiterer Aikidoka aus dem Dojo von Castrop-Rauxel, Stefan Köck war seit über einem Jahr zum Studium in Tokyo, nachdem Stefan hervorragend die japanische Sprache beherrscht war es sehr gut, dass er den Part der Übersetzung übernommen hatte.

Zum besseren Verständnis warum ich so auf die Anwesenheit eines Mitgliedes dieser bedeutenden Familie abhebe, möchte ich noch einiges aus der Geschichte Japans einblenden.

Yasuhisa Tokugawa wäre, wenn die Familie der Tokugawa noch das Shogunat inne hätte, heute der 18. Shogun. Durch die Übernahme des Shogunats durch Ieasu Tokugawa um 1600 und die dann erfolgte Abschließung wurde das Land für 260 Jahre befriedet. Durch Erlaß des Shogunats wurden die Samurai verpflichtet ihre Kriegerausbildung weiterzupflegen. Aus dieser Weiterführung des Bujutsu enstand das Budo. Budo ist durch das politische Einwirken durch das Shogunat der Tokugawa auf die Samurai entstanden. So ist das heutige Budo und die Familie Tokugawa eng miteinander verbunden.

Zudem hatte Yasuhisa Tokugawasan das Amt des Präsidenten der Kokusai Budoin - Kokusai Budo Renmei übernommen, so dass sich auf eine besondere Weise der Kreis wieder geschlossen hat. Die Stellung der Familie der Tokugawa kann heute so definiert werden, dass sie nach dem Kaiser die erste Familie in Japan sind. Hier zeigt sich die Stellung der Kokusai Budoin - Kokusai Budo Renmei, dass das Oberhaupt dieser bedeutenden Familie das Amt des Präsidenten übernommen hat.

Die Budogala war für mich mit einer Vielzahl von Überraschungen verbunden. Denn die uns bekannten Budodisziplinen sind nur ein kleiner Teil des Budo. In einem Zeitraum von 10.00 bis 17.00 Uhr waren die unterschiedlichsten Budodisziplinen zu sehen.

Für mich drängte sich dabei der Eindruck auf wie es mit dem im Meer schwimmenden Eisberg ist, ein Drittel ist sichtbar und der Rest?? In dem Verlauf der Budogala konnte man eine Ahnung entwickeln, dass Budo einen viel größeren Umfang hat als uns bekannt ist. Eine Vielzahl von Traditionen waren zu sehen die sehr komplexe und vielseitige Kampfformen beinhalteten.

Zum Abschluß der Budogala gab es dann im kleinen Kreis der Aktiven eine Party und so konnte ich dann mit Tokugawasan einige Gedanken austauschen.

Aufgrund seines Universitätsstudiums in Oxford spricht er ein exzellentes Englisch, so war eine Konversation sehr leicht. Innerhalb dieser Party wurde mir meine Urkunde des Kyoshititel vom Präsidenten Yasuhisa Tokugawa überreicht. Diese Gespräche mit Tokugawasan hatten dann für mich ein überraschendes Ergebnis. Yasuhisa Tokugawa hat Hans-Dieter Rauscher, Peter Klein und mich zu einer Kirschblütenparty in den Kaiserpalast in Tokyo eingeladen.

Der Besuch im Kaiserpalast erfolgte dann 6 Tage später in einer kleinen Schar von geladenen japanischen Gästen wurden wir durch einen Beauftragten der Kaiserfamilie in den Palast geführt. Vorbei an Befestigungen, schönen Gartenanlagen und zu herrlichen Alleen mit vollblühenden Kirschbäumen. Unter diesen Kirschbäumen konnte jeder die Schönheit der Anlage und die Fülle der Blüten bewundern. Einen krönenden Abschluß der ganzen Party war dann der Besuch der Kronprinzessin die sich für eine kurze Zeit zu unserer Gruppe gesellte.

In den folgenden 9 Tagen war die Zeit mit Training ausgefüllt und durch die Besuche von Zentren ehemaliger Samuraisiedlung. Der Besuch des Edomuseums hat tiefe Einblicke in das alte Japan vermittelt. Die Senseis der Kokusai Budo Renmei haben sich sehr große Mühe gegeben über das reine Training hinaus etwas von den Wurzeln des Budo zu vermitteln.

Als kleine Reisegruppe sind wir noch weitere 16 Tage in Japan verblieben. Eine Vielzahl von Begebenheiten haben dieser Reise ein außerordentliches Gepräge gegeben. So konnten wir im Bezirk von Asakusa Yambusame erleben, das Bogenschießen vom Pferd. Kranichtänze, Teezeremonie mit Geisha. In Nikko einen Drachentanz. Allein über jede einzelne der aufgeführten Begebenheiten zu berichten, die Details zu schildern würden einen ganzen unfassenden Bericht erfordern.

Die Kokusai Budoin - Kokusai Budo Renmei IMAF ist in unserem Lande kaum bekannt. Dies ist damit verbunden, dass wir durch gewohnte Verbandsstrukturen sehr wenig mit dem Umfeld befassen. Zum anderen wird von den Verbandleitungen auf die Mitglieder restriktiv eingewirkt wenn sie über die Grenzen des Verbandes Kontakte pflegen oder suchen. Nachdem innerhalb der Verbände ein reiches Angebot an Lehrgänge, Wettkämpfe, usw. vorhanden ist, gibt es auch für die Mitglieder nur selten ein Bedürfnis die gewohnten Grenzen zu überschreiten. Auch von der Seite der Kokusai wird nicht all zuviel Reklame bzw. Mitgliederwerbung betrieben. Es überrascht dann doch, wenn bei einer Überprüfung feststellbar ist, dass diese Organisation in über 50 Ländern vertreten ist. Noch größer wird die Überraschung wenn die Möglichkeit besteht an einem Welt Taikai teilzunehmen. Die Vielfalt der Trainingsmöglichkeit in unterschiedlichen Disziplinen zu erleben und vor allem die Offenheit der Hanshi zu erleben, die jedem der einmal in einer anderen Disziplin hospitieren will hilfreich zur Seite stehen.

Wenn man allerdings nach Japan reist um festzustellen wie die Situation im Ursprungsland des Budo ist wird man schnell feststellen, das die Verbandsstrukturen anders aufgebaut sind. Kendo, Judo, Iaido, Kyudo nur um die bekanntesten Gruppierungen zu nennen sind in eigenen Verbänden zusammengefaßt, wo die Definition einer Organisation besser zutreffend ist. Im Aikido gibt es zwei offizielle Verbände, den Aikikai und den Verband des Yoshinkan.

Sobald man beginnt in Japan die Situation der Budoorganisationen zu hinterfragen stolpert man in Japan über die Kokusai Budo Renmei. Als eine Stiftung des japanischen Kaiserhauses mit der Aufgabe die traditionellen Budodisziplinen zu pflegen und zu unterstützen nimmt sie einen besonderen Status ein. Bis vor 15 Jahren war es für Ausländer sehr schwer Mitglied in dieser Organisation zu werden. Normalerweise existiert in Japan eine etwas anders geartete Verhaltensweise. Es existiert eine Doppelmitgliedschaft, so besteht eine Mitgliedschaft in der Kokusai und eine in dem jeweiligen Fachverband oder Dojo. O Sensei Morihei Ueshiba war lange ebenfalls Mitglied in der Kokusai, wie auch Gozo Shioda, Tomiki Sensei u.a.m.

Generell kann festgestellt werden, dass viele Budoka in Japan in keinem Verband Mitglied sind, sondern nur deshi (Schüler) in einem Dojo. Das kontinuierliche Training bei einem Sensei ist für sie von größter Wichtigkeit.

So beschränkt sich die Mitgliedschaft in Organisationen bzw. Verbänden auf alle jene Budoka, die in Disziplinen trainieren die Wettkämpfe veranstalten. Ein weiterer Aspekt sind die Dangraduierungen die heute von den entsprechenden Organisationen beglaubigt werden.

Innerhalb der von drei Organisationen werden weiter Titel vegeben die zum Ausdruck bringen, welchen Stellenwert bzw. Entwicklunsstand der Budoka erreicht hat.

Diese Titel beginnen mit dem Renshi, dann den Kyoshi, dann Hanshi, und Meijin. Renshi kann ab dem 4. Dan angestrebt werden. Kyoshi ab dem 6. Dan. Der Hanshi ab dem 8. Dan und Meijin ab dem 10. Dan. Die Berechtigung diese Titel auszusprechen ist in einer Übereinkunft mit dem Kaiserhaus auszuhandeln. Zur Zeit sind die Kendo Renmei und die Iaido Renmei die einzigen Organisationen die, die ersten drei Titel vergeben dürfen. Die Kokusai Budo Renmei alle vier. Der Titel des Shihan wird von vielen Organisationen vergeben. Durch die Verleihung dieses Titels wird lediglich ausgedrückt, dass es sich um einen von der Organisation beauftragten Lehrer handelt.

Die bei uns erfahrbaren Gewichtungen der Dangrade sind in dieser Weise in Japan nicht vorhanden. Der erste bis dritte Dan sind in Japan immer noch Schülergrade.

Wer sich auf den Weg begibt um im Ursprungsland des Budo die Wurzeln zu suchen wird vieles was er bisher in unseren Regionen gewohnt ist über Bord werfen müssen. Erst danach wenn er sich von diesem Balast befreit hat kann er wirklich echte Evolution im Budo, in seiner Disziplin, für seine Person erleben.

 
 
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