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Was ist Reigi?

Budo

von Hugh Davey, Jr.


Reigi kann in einer einfachen Übersetzung "Art und Weisen der Respektbezeugung" bedeuten. Budo lehrt, daß alle Wesen aus dem unbeschränkten Universum stammen und lebende Manifestationen des universalen Ki, der universalen Lebensenergie sind. Wir alle haben denselben Ursprung und kehren nach unserem Tod in den Zustand zurück, so daß wir als eins mit (oder gleich mit) allen anderen und allem lebendigen betrachtet werden können. Deswegen haben alle Menschen, Pflanzen und Tiere unsere Rücksicht und unseren Respekt verdient. Andere zu respektieren ist dasselbe wie uns selbst zu verstehen und zu respektieren, da wir alle durch die Gunst des Universums und seines Ki existieren. Reigi beinhaltet die Techniken, Allem Respekt zu erweisen, sowie diesen auszubauen. Das wiederum führt zu einem Gefühl des Einsseins mit dem Universum. Viele Schüler glauben, daß Reigi sich nur auf das Verbeugen, wie es in Asien praktiziert wird, bezieht. Doch ist das lediglich eine der vielen körperlichen Ausdrücke von Reigi und ist weniger wichtig als die geistige Einstellung, die dahinter steht. Um das wahre Wesen des Budo und von Reigi zu verstehen, muß man sich näher mit ihrer eigentlichen und ursprünglichen Bedeutung befassen.

Um die Bedeutung von Budo wirklich zu begreifen, muß ein Schüler die Ursprünge entdecken, die in Japan liegen. Gewiß, letztendlich liegen die tiefsten Wurzeln im menschlichen Herzen, in dem es im Grunde keine Nationalitäten oder künstliche Grenzen gibt. Trotzdem wird eine kurze Studie der traditionellen Ansichten der japanischen Kultur einerseits helfen, Budo Traditionen besser zu begreifen, andererseits wird eine Brücke des Verständnisses zwischen Ost und West gebaut. In dieser Generation hat die Bewegung zur Integration beider Seiten vielfältige Realisationsmöglichkeiten erzielt. Ein natürliches, harmonisches Zusammentreffen beider ist von großem Wert für das zukünftige menschliche Wachstum.

Um die japanische Kultur verstehen zu können, muß man als erstes wissen, daß sie auf dem Konzept einer vertikaler (oder Standes-) Gesellschaft beruht - des "Tate Shakai". Im japanischen nennt man es auch ein "Shisho - Deshi" System: Shisho bedeutet "jemandem Vorgesetzter", während Deshi "Schüler" bedeutet. Das verdeutlicht das Verhältnis, welches zwischen Arbeitgeber und Angestellten, Lehrer und Schüler, sogar Eltern und Kindern vorherrscht. Es ist nicht so sehr eine strikte hierarchische Beziehung, als vielmehr ein System des gegenseitigen Dienens; der Pflichten, der Unterstützung und des Respektes, das abwechselnd von einer Ebene zur anderen und zurück geht.

Ebenso wie man einen Elternteil, oder ältere Geschwister achtet, wird von einem innerhalb der japanischen Kultur erwartet, daß man das selbe Verhalten z.B. gegenüber einem Lehrer oder einem religiösen Führer übernimmt. Ein Beispiel des "Shisho - Deshi" Verhaltens ist die spezielle "Sempai - Kohai", oder "Senior - Junior"-Tradition, welche man in jedem Dojo findet. Sempai sind Personen, die schon mehr Leistung erbracht haben, die mehr Ernsthaftigkeit gezeigt haben und die - das ist am allerwichtigsten - schon mehr Erfahrung als die Junioren erworben haben. Alle Beziehungen im Dojo und im täglichen Leben kann man anhand dieses Zusammenhangs beschreiben.

In jeder Beziehung, im normalen Leben genauso wie im Dojo, müssen die Sempai für die Kohai sorgen und sie respektieren, während sie ihnen helfen zu wachsen und sich zu entwickeln. Umgekehrt müssen die Kohai ihre Unterstützung und ihren Respekt den Sempai gegenüber zeigen, während sie auch deren Bedürfnisse beachten. Das ist die Bedeutung von Reigi. Sie beinhaltet alle Formen des äußeren Umgangs, wie die Verbeugung zu den Senioren und die Dojo-Plege, die von den Schülern des Dojos praktiziert werden, ebenso wie die geistige Haltung die dem ganzen zugrunde liegt.

Gewiß - Reigi geübt werden und Respekt muß auf alle Menschen ausgeweitet werden - aber genauso wie die Planeten, die der Sonne am nächsten sind, das meiste Licht erhalten (obwohl die Sonne gleichmäßig auf alle scheint), sollten die ältesten Schüler, die dem Sensei am nächsten stehen, den größten Respekt erhalten. Kohai sollten einen bestimmten Sempai nicht bloß wegen seiner/ihrer Position, sondern für seine/ihre eventuelle Funktion in der Zukunft respektieren. Viele Verhaltensforscher haben beobachtet, daß falls die Behandlung einer Person durch andere das wiederspiegelt, was diese ihr wünschen, diese Wünsche auch tatsächlich in Erfüllung gehen. Deshalb sollten, indem wir unseren Respekt zeigen, wir unsere Sempais ermutigen, sich selbst zu übertreffen, sodaß sie sich zu dem entwickeln, was wir uns von einem Lehrer erwünschen.

Falls ein Sempai darüberhinaus Lehrer ist, sollte diese Person immer mit Sensei angesprochen werden, was grob übersetzt "früher (sen) geboren (sei)" heißt. Dies bezieht sich auf jemanden, der etwas erfahren hat, daß wir nicht haben. Somit können wir etwas von dieser Person lernen und sollten dankbar sein für seine/ihre Anwesenheit. Da Budo eine Art und Weise zu leben ist, sollten die Sensei auch immer so angesprochen werden - im täglichen Leben geanuso wie im Dojo. Das zu vergessen, heißt Budo nur oberflächlich zu praktizieren - in Isolation, ohne tieferen Sinn. Darüberhinaus, genauso wie der Schüler Ernsthaftigkeit zeigen soll, sollte der Lehrer immer korrektes Reigi einhalten und seine Verantwortung den jüngeren Schülern zu helfen, nicht vernachlässigen.

Womöglich werden sich Schüler auch darüber wundern, warum sie ihren Respekt gegenüber anderen mit Verbeugung oder anderen äußerlichen Handlungen öffentlcih zeigen sollen. Viele glauben, daß es reicht ein besonderes "Gefühl" für einen anderen zu haben und daß dieses Verhalten nicht sichtbar demonstriert werden muß. Im Gegenteil, das Ziel im Budo ist die Vereinigung von Körper und Geist - das bedeutet natürlich, daß Gedanken und Handlungen eins werden sollen.

Deswegen ist es nur ganz selbstverständlich, daß sich Schüler nach dem Unterricht zu ihrem Lehrer verbeugen und sagen, "Danke Ihnen, Sensei!". Indem er seine Dankbarkeit im gleichen Moment in dem er sie fühlt auch zeigt und seine Gefühle laut ausspricht, kann ein Schüler eine Verflechtung von Körper und Geist erreichen, eine Harmonie von Glaube und Wirkung. Mit der Zeit, indem Schüler die Körper-Geist-Koordination immer mehr üben, wird dieses Verhalten zu einer positiven Angewohnheit, die sich ins tägliche Leben überträgt.

Selbstverständlich kann Reigi als eine Form von Disziplin betrachtet werden. Tatsächlich besteht das ganze Budo aus Disziplin und der Prozeß des eigenen Erstarkens auf geistiger und körperlicher Ebene. Wir disziplinieren uns selbst, weil wir in einer bestimmten Art und Weise leben wollen und da wir diese Wahl getroffen haben, müssen wir lernen unser Ki (Lebensenergie) auf die Ausführung bestimmter Aufgaben zu richten. Auch nur ein bisschen weniger zu tun, wäre Verschwendung kostbarer Zeit. All unsere Anstrengung sollte auf unsere Verpflichtung schnell zu lernen und Fortschritte zu machen konzentriert werden. Dadurch können wir unseren Lehrern mit unserem zukünftigen eigenen Tätigkeit als Lehrer und anderen Beiträgen zum Budo etwas zurückgeben. Wir sollten nie das Gefühl verspüren, daß wir leiden, Zeit verschwenden oder etwas im Leben verpassen, wegen dem was wir für ein übermäßig hartes Training im Dojo halten könnten. Wir haben diesen Weg freiwillig eingeschlagen. Wir müssen das tun, was Teil des Weges ist und schon immer war. Eine Verpflichtung als eine Art Opfer zu verstehen, das man für einen abstrakten Gewinn erbringen muß, bedeutet daß man das Gefühl der allgemeinen Aussichtslosigkeit bei sich fördert, eine Art "Märtyrerkomplex" entwickelt, oder am besten vergißt, daß Budo als eine Art zu leben an sich einen großen Wert hat und sich schon aus diesem Grund die Mühe lohnt diesen Weg zu gehen.

Um effektiv zu trainieren muß man einen starkes Verlangen - oder wenigstens eine gewisse Bereitwilligkeit haben, sich zu ändern und zu wachsen. Jedoch haben viele Personen starke Egos oder Bilder von sich selbst, die ihre persönliche Entwicklung hemmen. Budo ist ein Prozess der fortwährenden Wandlung. Darüberhinaus hilft Reigi das eigene Ego zu überschreiten und einen bescheidenen, aufgeschlossenen Zustand zu erreichen. Dieser Zustand wird Nyunanshin oder "faltbarer, geschmeidiger Geist" genannt und ist eine wesentliche Komponente aller althergebrachten Wege. Genauso wie Dehnübungen weniger schmerzhaft sind, wenn man weiß wie man "während de Dehnung entspannt", so ist wirkliches geistiges Wachstum einfacher, wenn man lernt, das eigene Ich, das eigene Selbstgefühl zu überwinden - und so das wahre Ziel des Trainings entdeckt.

Nyananshin erfordert die Annahme und das Anschließen an den Sensei, das Training und selbst das Dojo. Natürlich muß man nach einer gewissen Zeit bereit sein, dem Sensei zu vertrauen. Ebenso muß man bereit sein, sich zu ändern. Viele Menschen sind jedoch selbstzufrieden und aufgrund von Ego-Problemen nicht in der Lage Wandlungskonzepte anzunehmen. In Japan sagt ein altes Sprichwort, "man muß sich erst leeren, um gefüllt zu werden". Sich selbst zu leeren, das ist eine Aufgabe von Reigi.

Über den Autor: Herr Hugh Davey, Jr. ist Regional Director der IMAF U.S.A., Renshi 6. Dan Nihon Jujutsu und Director der Sennin Foundation.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Christian Manz

Ein Artkel des "GENDO", dem Informations-Newsletter der IMAF-Kokusai Budoin.

 
 
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